kinskis interpretation der lästerzungen und burdens "shoot" — hätte mir firefox nicht gerade einen streich gespielt, wäre ich nicht auf die idee gekommen, die arbeiten in einen zusammhang zu bringen: sänger und performer greifen in persona an, wiewohl es zugleich um eine opferrolle geht. — während der zufall sie mir also zusammenführt, entsteht die idee eines polemischen diskurses, der weit in die geschichte aus- und zurückgreift; also von villon bis heute, wo man mir vom gerede um meine eigene person etwas flüstert. wie immer, denke ich, geht es auch in diesem streit um grenzziehungen — grenzen, die andererseits in der intimzone der kultur vielleicht auch nicht fix und total sein dürfen oder künstler und rezepient, beide hätten sich totgestellt. während der eine den anderen wachzurütteln und zur vernunft zu bringen versucht, verletzen sie einander, geht es ums eingemachte — was heißen soll: um das selbstverständnis des einen wie des anderen.
in den lästerzungen nimmt die agression kein blatt vor den mund, die hintergründe sind bekannt, leicht vorstellbar — nur die historischen abstände puffern die spitze des dolches. "shoot" wirkt wie eine nachträgliche interpretation davon, indem es den komplex der gewalt weiter entfaltet — die agression des künstlers geht in kriegsassoziation über und der zusammenhang von gewalt und schmerz ist so klar und deutlich, als hätte man "1+1=2" in einem einzigen augenblick gesagt. möglicherweise kann man auch genau deswegen, weil es so unglaublich evident und banal ist, verständnisprobleme haben. "shoot" hat mich auch an einige überlegungen zum sadismus erinnert. ein schriftsteller, der sadistische literatur schreibt, ist immer auch masochist (viele sadisten, sade selbst, waren/sind es.) — es geht aber eigentlich nur immer um den wunden punkt, den schmerz selbst, der ganz unterschiedlich semantisch aufgeladen sein kann.
ein künstler verliert nichts, wenn er sich anschießen lässt, wenn er sich auszieht meinetwegen. aber schmerz und spätere gesundheitliche beeinträchtigungen hat er gewählt, um mit dem zuschauer in einem intimen moment in kontakt zu treten. wenn es eine gesunde misericordia-kultur in unserer gesellschaft gäbe, wäre das alles eigentlich überhaupt kein problem, denke ich — weil sie aber nicht gesund ist, sind die aktionen in bestimmten momenten sehr drastisch geworden und dann scheinbar historisch verebbt, das heisst, vielleicht nur im subtext verschwunden. paradoxerweise sieht man aber auch immer nur das drastische am drastischen und hält alle deutungsarbeit damit für getan.
eine instant-propädeutik wäre: du machst kunst — ich lasse auf mich wirken und mache meine moralischen prozesse. kunst hat andererseits genausoviel agression nötig, wie ihr von der anderen seite aus an gewalt (welcher art auch immer) entgegengebracht wird. es gibt zum beispiel eine art des missverstehens, die selbst performance ist und zugänge aktiv verbaut. (verbale gewalt an menschlicher nacktheit ist oft umgeleitete gewalt gegen sich selbst. die gewalt des performers gegen sich selbst geht andererseits nie gegen den zuschauer — außer man begreift ihn als neurotiker.)
der romancier zum beispiel hat es da gut, denke ich. seine offenlegungen finden im stillen statt und eh die presse über ihn herziehen kann, ist das buch längst geschrieben — der zorn kann also am gegenstand nichts mehr ausrichten. der schriftsteller wirkt weise, denn sein leser ist einzeln, zukünftig, räumlich getrennt und deshalb unschuldig. ich komme auch mehr und mehr ab von adorno — wer behauptet, dass ein werk immer schon politisch ist und "ich" etwas anderes bedeutet als selbstrelativierung, der tut hermeneutisch eigentlich nichts anderes als das, was zum beispiel eine köchin tut, die kritisiert wurde: beleidigt sein, weil sie denkt, dass der andere denkt, sie hätte immer schon alles falsch gemacht. der sinn der kritik geht oft an ihr vorbei.
shoot:
http://www.youtube.com/watch?v=26R9KFdt5aY
die lästerzungen: